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Magazin für Umwelt- und Tierschutz
1 Einleitung
1.1 Einleitung
1.2 Wie entsteht Meereis?
1.2.1 Einleitung
1.2.2 Kalbende Gletscher
1.2.3 Oberflächenwasser gefriert
1.3 Rückgang des Meereises
1.3.1 Aussagen in der Vergangenheit
1.3.2 Die Lage im Jahr 2009
1.3.2.1 Entwicklung in der Arktis
1.3.2.2 Verbesserte Modelle
1.3.2.3 Beispiele
1.3.3 Die Lage im Jahr 2010
1.3.3.1 Klimawandel und Winde lassen das Eis zurückweichen
1.3.3.2 Prognosen zum Septemberminimum
Einige Quellen
Aktualisierungen
Wasser ist die einzige Substanz, die in ihrer festen Form (Eis) leichter ist als in seiner flüssigen. Daher kann es auf dem Meer schwimmen.
Polkappen sind etwas Ungewöhnliches in der Erdgeschichte. Zu 90 Prozent ihrer Existenz war die Erde völlig eisfrei. Doch im Laufe der Erdgeschichte traten auch immer wieder Kaltzeiten auf. Wissenschaftler nehmen an, dass die Erde in ihrer Frühzeit mehrmals völlig vereist war. Die jüngsten Kaltphasen der Erde nennt man Eiszeiten. An den Polen bildeten sich ausgedehnte Eisschilde, die Ozeane und Kontinente bedeckten und bis nach New York und den Alpen reichten. Das derzeitige polare Eis ist ein Überbleibsel der letzten Eiszeit. Auch wenn dieser Zustand so selten ist: Die Menschheit hat sich unter seinen Umweltbedingungen entwickelt und ihre Lebensweise an sie angepasst.
Beim Eis unterscheidet man zwischen dem Meereis und den Eisschilden der Kontinente. Während sich am Südpol ein Kontinent (Antarktis) befindet, ist das Gebiet um den Nordpol hauptsächlich mit Meer bedeckt, mit Ausnahme der Insel Grönland. Im Norden ist das gesamte Polarmeer von Meereis bedeckt, im Süden die Küstengebiete des antarktischen Kontinents.
Auf Land fällt gefrorenes Wasser als Schnee und bleibt dort bei geeigneten Temperaturen liegen. Das Meereis bildet sich anders.
Meerwasser ist salzhaltig. Daher liegt sein Gefrierpunkt deutlich unter null Grad Celsius. Außerdem ist die Meeresoberfläche durch Wellen und Strömungen sehr unruhig. Beides erschwert oder verzögert ein Zufrieren der Ozeane. Trotz dieser Hindernisse sind die polaren Meere ständig mit Eisschollen bedeckt. Diese Eisbedeckung kann im Winter bis über den 40. Breitengrad reichen.
Ein Teil des Meereises stammt von Gletschern der großen Eisschilde. Ragen sie ins Meer hinein, brechen an ihrem Ende (Zunge) Teile ab und treiben ins Meer hinaus. Den Vorgang nennt man Kalben, das Ergebnis einen Eisberg. Eisberge Grönlands brechen von den Zungen der großen Gletscher ab und haben vielfältige Formen. Die der Antarktis sind Bruchstücke von Inlandeis, das ins Meer hinausragt. Dieses Schelfeis ist wie das Inlandeis an seiner Oberfläche flach. Daher sind seine Eisberge tafelartig. Sie können einen Durchmesser von 100 Kilometer erreichen.
Nur ein kleiner Teil der Eisberge, etwa 1/9, ragt aus dem Wasser. Außerdem haben sie eine große Masse. Das schützt sie vor schnellem Abschmelzen und läßt sie weit in warme Breiten vordringen, in denen kein Frost herrscht. Auf großen Schollen errichten Wissenschaftler Forschungsstationen.
Fällt Schnee auf Meerwasser mit einer Temperatur von unter null Grad Celsius, kann er nicht mehr schmelzen. Die Schneedecke wird zu einem Schneebrei. Dort, wo er viel Luft enthält, friert er zusammen. Es entstehen Eisschollen, die miteinander kollidieren. Durch diese Kollisionen entstehen runde Platten mit geringem Durchmesser und erhöhten Rändern. Zuerst gefriert das salzärmere Wasser. Erst wenn dieses zu Eis gefroren ist und die Temperaturen sehr niedrig sind, erstarren auch die Salzlaken als Restlösung. Salz (Natriumchlorid, NaCl) friert erst bei minus 23 Grad Celsius. Die salzhaltigeren Schichten befinden sich daher direkt unter der Eisdecke.

Abbildung 1: Eisschollen in der Arktis.
Foto: Alfred-Wegener-Institut
Man unterscheidet zwei Formen.
Durch Wind und Strömungen zerbrechen die Schollen, schieben sich übereinander und stauchen sich an manchen Stellen. Es entsteht eine unregelmäßige Oberfläche. Das macht es schwierig, altes Eis zu Fuß oder mit Fahrzeugen zu überqueren. Süßwasser fließt durch die Schollen bis zur Unterseite und gefriert dort zu bizarren Zapfen.
Als Eisfabrik der Arktis gilt die Laptewsee, ein Randmeer im Norden Sibiriens. Sie produziert besonders in den Wintermonaten beständig neues Schelfeis. Gerade dann bilden sich im sibirischen Polarmeer sogenannte Polynynen. Das sind eisfreie Wasserflächen, auf denen besonders viel Eis gefriert. Ablandige, also vom Land zum Meer hin wehende Winde treiben das Eis von der Küste fort. Dort entsteht dann offenes Wasser. Bei den dort herrschenden Temperaturen von minus 40 Grad setzt dort eine rapide Eisbildung ein. Dieser Mechanismus und die Größe der entstandenen Eisschollen ist dabei wichtiger als die Lufttemperatur. Deshalb ist die Produktionsstätte bisher kaum vom Klimawandel betroffen. Weiterhin liefert sie 50 bis 100 Kubikkilometer Eis pro Jahr. Der Umweltwissenschaftler Sascha Willmes ermittelte durch Satellitenbilder und meteorologische Daten, dass die Produktion in den vergangenen 30 Jahren nicht zurückging. Zwar kommt sie in Berührung mit dem Atlantikstrom, der sich 2002 bis 2009 um fast zwei Grad erwärmte, doch das Süßwasser aus der Mündung des Flusses Lena isoliert das Randmeer. Das schwerere, salzhaltige Wasser des Atlantiks bleibt in der Tiefe und hat gar nicht die Möglichkeit, an die Oberfläche zu gelangen. Schwere Substanzen sinken ab, leichte steigen auf. Das weniger dichte und daher leichtere Lena-Wasser bleibt an der Oberfläche und bildet so eine isolierende Schicht.(Schröder, 2009)
Einen Einfluss haben dagegen die steigenden Lufttemperaturen. Dagegen gibt es keine Isolation. So stellten Wissenschaftler auf einer Konferenz November 2009 in Sankt Petersburg fest, dass die Eisbildung im Herbst später einsetzt und früher wieder aufbricht. Die Saison wird kürzer. Spätere Eisbildung bedeutet aber auch, dass die Küsten zur Zeit der europäischen und arktischen Herbststürme nicht durch Eis geschützt sind. Die durch die tauenden Permafrostböden ohnehin empfindlicheren Ufer sind den Wellen ungeschützt ausgesetzt und werden abgetragen. In den vergangenen 70 Jahren verschwanden bereits drei sibirische Inseln und jedes Jahr gehen zehn Meter Land verloren. So verschwanden ganze Fischerdörfer.(Schröder, 2009)
Der Transport der Schollen von der Küste in die zentrale Arktis dagegen hat sich beschleunigt. Brauchten sie für den Weg noch vor einigen Jahrzehnten drei Jahre, sind es heute nur noch zwei Jahre. Zwar kennen Wissenschaftler nicht den Grund für die schnelleren Strömungen, doch sie sehen die Veränderungen als Zeichen für den Einfluß des Klimawandels auf das System. (Schröder, 2009)
Die Ausdehnung kennt man aus der Zeit seit 1900 aus Beobachtungen, die von Schiffen und Küsten aus gemacht wurden und 77 Prozent der Fläche abdecken. In neuerer Zeit stammen die Daten vor allem aus Satellitenbildern. Sie zeigt die jahreszeitlichen Schwankungen in der Ausdehnung.
In den 1970ger Jahren bedeckte das Eis eine Fläche von der Größe der USA. 1988 dehnte sich das Eis am Nordpol über 13 Millionen Quadratkilometer aus. Im Sommer waren es nur die Hälfte. 1978 bis 2007 ging das Meereis im Jahresmittel um 2,7 ±0,6 Prozent und im Sommer um 7,4 ±2,4 Prozent pro Jahrzehnt zurück. Im September 2005 zeigte sich die bis dahin geringste Ausdehnung. Die Messungen zeigen weiter, dass der Rückgang seit 1900 ein einmaliger Vorgang ist. Heute sieht es so aus, als seien die 22 Staaten östlich des Mississippi weggeschmolzen, erklärte der Klimatologe Don Perovich in der Fernsehdokumentation „A global warming“.
Das Maß der Abnahme der Eisdicke ist nicht sicher. Die Dicke ist aus Messungen von U-Booten aus der Zeit des Kalten Krieges bekannt. Sie zeigen einen Rückgang von 40 Prozent, andere Messungen nur 8 bis 15 Prozent. Nach Rahmstorf (2006) nahm die Ausdehnung der Eisdecke nahm von 1978 bis 2005 um 20 Prozent ab. A Global warming (2009) erklärt, die Eisdicke sei von 3 auf 2 Meter geschrumpft. Messungen mit Satelliten und U-Booten in den vergangenen 30 Jahren zeigen, dass die Eisdicke um mehr als 1,5 Meter abgenommen hat, erklärte 2009 Ron Kwok, führender Eisforscher der NASA. (Siegloch, 2009)
Die Bedeckung der nördlichen Hemisphäre mit Schnee sank von 1960 bis 2004 um 10 Prozent und die Dauer der Bedeckung von Flüsse und Seen mit Eis um etwa 14 Tage.
Abnahme des Meereises in der Arktis

Abbildung 2: Das Diagramm zeigt die Anomalie der Ausdehnung des arktischen Meereises. Dabei wird der Teil berücksichtigt, der zu mindestens 15 Prozent von Eis bedeckt ist. Die Anomalie ist die Differenz aus der Ausdehnung im aktuellen Monat und dem Mittelwert der Ausdehnung im gleichen Monat der Jahre 1979 bis 2000.
Quelle: National Snow and Ice Data Center, University of Colorado, USA, http://nsidc.org/data/seaice_index/, übersetzt und grafisch verändert
Eisschmelze. Mit den kürzer werdenden Tagen geht auch die Saison der Eisschmelze in der Arktis zu Ende. Am 12. September registrierten Satellitenaufnahmen das Minimum in der diesjährigen Meereisbedeckung von 5,1 Millionen Quadratkilometern im Nordpolarmeer. Damit bestätigt sich die Entwicklung aus den letzten drei Jahren, dass die Eisausdehnung am Ende des Sommers nur noch etwa 70 Prozent des langfristigen Mittelwertes der Jahre 1979 bis 2000 beträgt. Dieser langfristige Mittelwert liegt seit Beginn der Beobachtungen bei knapp sieben Millionen Quadratkilometern, das Rekordminimum im Jahr 2007 lag bei 4,1 Millionen Quadratkilometern. Die Daten stammen vom National Snow and Ice Center (NSIDC) in Boulder im US-Bundesstaat Colorado. Das Istitut mißt regelmäßig die Ausdehnung des Meereeises. Nur die Messwerte von 2007 und 2008 lagen unter denen von 2009, berichtet Greenpeace.(Menn, 2009a, Victor, 2008) Dieses Ausmaß hatte niemand vorhergesagt. Seit 50 Jahren nimmt seine Fläche, Dicke und Dauer ab. (Victor, 2008)

Abbildung 3: Prozentuale Meereisbedeckung der Arktis am 12. September 2009 berechnet mit dem ARTIST Sea Ice (ASI) Algorithmus aus Messungen des Advanced Microwave Scanning Radiometer (AMSR-E) bei 89 GHz; Gitterzellengröße: 6.25 km x 6.25 km.
Quelle: KlimaCampus der Universität Hamburg
„Der Anteil mehrjährigen dicken Eises ist inzwischen soweit zurückgegangen dass die sommerliche arktische Meereisbedeckung sehr viel empfindlicher auf atmosphärische Anomalien reagiert als noch vor zehn oder zwanzig Jahren“, bilanziert Prof. Dr. Rüdiger Gerdes, Meereisphysiker am Alfred-Wegener-Institut. Eine Rückkehr zu historischer Eisausdehnung von über sieben Millionen Quadratkilometern, wie sie bis Ende der 1990er Jahre regelmäßig auftrat, ist nicht zu erwarten. Auch die Meeresbiologin Iris Menn von Greenpeace ist nicht optimistisch: „Das Meereis geht zurück. Es gibt leider keinen Grund zum Aufatmen, dafür ist die Erholung zu gering und zu kurzfristig.“
Temperaturen. 2008 maßen Wissenschaftler in der Arktis um 2 Grad höhere Temperaturen, während sie im globalen Mittel um 0,57 Grad stiegen, erklärt die Umweltschutzorganisation Greenpeace. Das sorgt dafür, dass das Eis schneller schmilzt als erwartet. (Menn, 2009b)
Kippelement. Das arktische Meereis gehört zu den so genannten Kippelementen. Dieser Begriff wurde von Professor Hans-Joachim-Schellnhuber vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung eingeführt und bezeichnet Erdregionen, wo der Klimawandel einen sprunghaften und teilweise unumkehrbaren Einfluß hat. Anders als in anderen Teilen der Erde verläuft er hier nicht langsam und linear, sondern schnell und katastrophal. Dazu der Greenpeace-Klimaexperte Karsten Smid: „Das arktische Meereis ist neben dem grönländischen Eisschild besonders anfällig. Schon kleinste Veränderungen können riesige Auswirkungen haben.“ Möglicherweise werde es bald gar kein Eis mehr am Nordpol geben.
Am 13. Juni 2009 fuhr das Greenpeace Schiff „Arctic Sunrise“ zu einer dreieinhalbmonatigen Expedition in die Arktis. Dabei stellten die beteiligten Wissenschaftler fest, dass die eisbedeckte Fläche im Nordpolarmeer täglich um 106.000 Quadratkilometer schrumpfte, wie im Rekordsommer 2007. In weniger als zehn Jahren könnte das ganze Meer eisfrei sein, befürchten Experten laut Greenpeace. Das wäre einmalig in der vergangenen Million Jahren.
Wissenschaftler des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung in der Helmholtz-Gemeinschaft und des KlimaCampus der Universität Hamburg hatten wie bereits im Jahr 2008 ihre Prognosen im Frühsommer vorgestellt, um in einem Wettbewerb die beste Methode für zuverlässige Voraussagen der Eisverhältnisse im September zu finden. Dabei benutzen sie unterschiedliche Ansätze. „Grundlage unserer Prognose sind Eisbedeckungsgrad und Eisdicke am Ende des Winters, sowie die Wetterbedingungen während der Schmelzperiode“, erläutert Gerdes. Satellitenaufnahmen erfassen den Bedeckungsgrad des Meereises schon seit drei Jahrzehnten, wohingegen über die Eisdicke nach wie vor wenig bekannt ist. Dünnes Eis schmilzt dabei natürlich viel schneller als dickes mehrjähriges Eis. Der Datensatz zur Eisdicke konnte im Frühjahr durch Messflüge des Polarflugzeugs Polar 5 erweitert werden. „Durch den Einsatz von Polar 5 konnten wir die Reichweite gegenüber den Helikoptereinsätzen in den vergangenen Jahren deutlich erhöhen“, freut sich Dr. Stefan Hendricks vom Alfred-Wegener-Institut, der bei der Kampagne dabei war.
Nach wie vor stellen jedoch die Wetterverhältnisse, die die Eisschmelze maßgeblich beeinflussen, eine schwer berechenbare Variable dar. So gibt das Modell von Gerdes und Kollegen Wahrscheinlichkeiten für bestimmte Meereisausdehnungen an, indem es die Wetterszenarien der letzten Jahrzehnte in die Berechnungen einbezieht. Im Rahmen des EU-Projektes DAMOCLES konnte zusammen mit den wissenschaftlichen Firmen OASys und FastOpt ein neues umfangreiches Modell entwickelt werden, das durch Optimierung der Anfangs- und Randbedingungen wesentlich enger den Beobachtungsdaten folgt. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 80% erwarteten die Bremerhavener Wissenschaftler in ihrer Prognose im Frühsommer eine mittlere Bedeckung für den September von 4,5 bis 5,5 Millionen Quadratkilometern und lagen damit wie schon im letzten Jahr nahe an der Realität.
Die Hamburger Wissenschaftler um Prof. Dr. Lars Kaleschke gaben im Mai an, dass das absolute Meereisminimum von 2007 nur mit einer Wahrscheinlichkeit von sieben Prozent unterschritten würde. Die im Mai prognostizierte Fläche von 4,9 Millionen Quadratkilometern ist nun im Rahmen der geschätzten Unsicherheit von 0,4 Millionen Quadratkilometern erreicht worden. Unabhängig von Wetterphänomenen beruhte ihre Prognose auf einem statistischen 4,9 Millionen Quadratkilometern ist nun im Rahmen der geschätzten Unsicherheit von 0,4 Millionen Quadratkilometern erreicht worden. Unabhängig von Wetterphänomenen beruhte ihre Prognose auf einem statistischen Vorhersageverfahren. Sie nutzen die mit 36 Aufzeichnungsjahren längste globale Klimazeitreihe, die es aus Satellitenmessungen gibt. Die Prognose basierte auf der Annahme eines sich beschleunigenden langfristigen Trends. Dem langfristigen Trend sind statistische Fluktuationen überlagert, welche dazu führen, dass in diesem Jahr die Fläche etwas über dem Wert vom letzten Jahr liegt. „Die Satellitenmessungen dieses Jahres bestätigen also erneut, dass sich der langfristige Trend offenbar beschleunigt fortsetzt“, bilanziert Kaleschke.
Mehr zu dem internationalen wissenschaftlichen Wettstreit unter http://www.arcus.org/SEARCH/seaiceoutlook/index.php und www.damocles-eu.org.
Im März 2008 löste sich ein großer Eisberg von der Südwestseite des Wilkins Schelfeises.
Ein anderes Beispiel ist das Ward-Hunt-Schelfeis, das zur kanadischen Insel Ellesmere gehört. Dort ist es eines von fünf Eisschelfe und bedeckt eine Fläche von 443 Quadratkilometern. Bereits 2002 zeigten sich auch ein tiefer Riss in der Eisfläche. Ende Juli 2008 meldete Luc Desjardins vom kanadischen Eisdienst, dass zwei riesige Teile von fünf und 14 Quadratkilometern Fläche abbrachen. Weitere Abbrüche konnte er nicht ausschließen.
Solche Vorgänge beobachtet man in vielen Teilen der Arktis.
In den vergangenen Jahren zeigten Satellitenbilder starke Schwankungen in der Eiskappe am Nordpol. Sie zeigen auch, dass sie in den vergangenen 30 Jahren drastisch zurückgegangen ist, mit den stärksten Reduktionen in den vergangenen Jahren.
Das Arktische Klima Paradoxon: Viele Fachleute glauben, dass es nur noch Jahrzehnte bis zu einer eisfreien Arktis sind. Beispielsweise sagt das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) der Vereinten Nationen diesen Zeitpunkt für Ende des Jahrhunderts voraus. Welchen Anteil hat der Klimawandel und welchen andere Faktoren? Und was veranlasst das Eis, schneller zu schmelzen, als die Klimamodelle voraussagen? Seit 1980 beobachteten Wissenschaftler einen Rückgang der Eisbedeckung in der Arktis. Sie erklärten ihn durch den langsamen Prozess des Klimawandels in Kombination mit Schwankungen in den Mustern aus Luftdruck und Luftströmungen über der Arktis. Sie glaubten, dass eine positive Phase der Arktischen Oszillation (AO) die Hauptursache für die zurückweichenden Eismassen war. Normalerweise ist die AO durch drei Luftdrucksysteme beeinflusst. Eines befindet sich über den Azoren, eines über Island und eines über dem Nordpazifik. Da sich bei der Ursache um eine Schwankung handelte, sollte sich der Rückgang verlangsamen. Stattdessen beschleunigte er sich. Man sprach vom Arktischen Klima Paradoxon.
Eine neue Ursache: Nun suchte man den Grund in einem unbekannten Faktor, den niemand beachtet hatte. Professor Asgeir Sorteberg vom Geophysikalischen Institut der Universität von Bergen und sein Team gingen der Sache nach. Das Projekt trug den Titel Norwegian Component of the Ecosystem Studies of Sub-Arctic Seas (NESSAS). Als die Norweger mit der Arbeit begannen, bemerkten sie dramatische Änderungen in den Wettermustern der Arktis, die um das Jahr 2000 begannen. Zur gleichen Zeit beschleunigte sich der Rückzug des Eises. Sie begannen mit einer Analyse der nordischen Zirkulation. „Wir fanden heraus, dass diese Muster weitgehend erklären können, warum die Eisbedeckung nach 2000 so viel schneller zurückging. Windmuster hängen von der Lage der großen Hoch- und Tiefdruckgebiete ab. Wir entdeckten, dass Monate mit geringer Eisbedeckung und hohen Temperaturen mit entscheidenden Schwankungen in den Windmustern korrespondieren“, erklärte Professor Sorteberg. Bis 2000 hatte die AO den größten Einfluss auf die winterliche Eisbedeckung im hohen Norden. Aber die Veränderung 2000 bedeutete, dass seitdem die arktischen Wetter- und Windverhältnisse von Hoch- und Tiefdruckgebieten im nördlichen Russland bestimmt wurden. Mit anderen Worten: Die bisher so dominierende AO spielte eine weniger bedeutende Rolle.“
Schlußfolgerung: Die geänderte Windrichtung treibt große Eismassen vor sich her. Sie bewegen sich weg von der Arktis und unten um die Ostküste Grönlands herum. Zur gleichen Zeit entsteht weniger Eis, wenn die Winde über der Arktis durch Luftdrucksysteme in Nordrussland bestimmt werden und weniger von denen im Nordatlantik und Nordpazifik, wie es normalerweise der Fall war. Die Schlussfolgerung der Norweger: Man sollte vorsichtig sein, wenn man den Eisrückgang als Indikator für den Klimawandel benutzt. „Die dramatischen Änderungen der Eisbedeckung wurden durch atmosphärische Zirkulationsmuster verursacht, in Kombination mit dem langsamen Prozess des Klimawandels. Doch der eine Teil, nämlich die Variationen in den Zirkulationsmustern, ist Teil natürlicher Wetterschwankungen. In bestimmten Perioden werden sie den von Menschen verursachten Wandel verstärken, während sie ihn in anderen Perioden maskieren werden“, sagte Professor Sorteberg. Daher sollte man auch mit der Voraussage vorsichtig sein, das Polarmeer sei in 10 bis 20 Jahren eisfrei. Andererseits bestreiten die Forscher nicht, dass sich der Klimawandel auf die arktische Eisbedeckung auswirkt. Sie weisen auch nicht die Feststellung des IPCC zurück, dass die arktis am Ende des Jahrhunderts im Sommer nahezu eisfrei sein wird. „Es gibt keinen Zweifel daran, dass das arktische Meereis in den vergangenen Jahren dünner geworden ist. Die Dicke ist ein viel besserer Indikator als die Ausdehnung des Eises, wenn wir die Auswirkungen des Klimawandels studieren wollen“, betont Sorteberg. (RCN, 2010)
Jedes Jahr im September erreicht die Eisfläche ihre minimale Ausdehnung. Und jedes Jahr erscheinen zu diesem Anlass Prognosen eines Dutzend internationaler Forschungsinstitute. Sie veröffentlichen ihre Ergebnisse in der Online-Publikation Seaice-Outlook. Auch für den Spätsommer 2010 erwarten Wissenschaftler ein kritisches Minimum des arktischen Meereises. Nur die Zahlen unterscheiden sich.
Die beiden Beteiligten in diesem wissenschaftlichen Wettstreit erwarten nicht, dass das arktische Meereis das Rekord-Minimum von 2007 erreicht. Auch Messungen, nach denen das Eis zur Zeit mit zehn Millionen Quadratkilometern noch 0,5 Millionen Quadratkilometer kleiner ist als an den gleichen Tagen in 2007, überzeugen sie nicht. Das sei vergleichbar mit der Entwicklung im Jahr 2006, das auch nicht die Minimalwerte von 2007 erreichte. Entscheidend für die Lage im Spätsommer ist sowohl die weitere Entwicklung als auch die künftige Eisdicke in der zentralen Arktis. Beides ist noch nicht bekannt.
Von 1980 bis 1990 betrug die Eisfläche der Arktis stets mehr als sieben Millionen Quadratkilometer. Der derzeitige Trend weist leicht nach oben:
Für die kommenden Jahrzehnte gehen die Wissenschaftler dennoch von einer Abnahme der arktischen Eisfläche während der Sommer aus. Wie in der Grafik oben dargestellt, weist der langfristige Trend nach unten. (AWI, 2010)
A global Warming: Brennpunkt Klima Teil 2, Fernsehdokumentation, N24, 3.4.2009 21:59 Uhr
AWI, 2010: Eis der Arktis erholt sich nicht, Pressemitteilung, Alfred-Wegener-Institut, 24.6.2010
Braune, 2007: Gerd Braune, Eiskalter Wettlauf, in: Handelsblatt, 21./22./23.9.2007, Seite 14
Indigene, 2009: Indigene Völker der Arktis, Hauptleidtragende des Klimawandels, Infoblatt, Gesellschaft für bedrohte Völker, Frühjahr 2009
Kelletat, 1988: Dieter Kelletat, Physische Geografie der Meere und der Küsten, B.G.Teubner Verlag, Stuttgart, Leipzig, 1988
Malms, 2000: Jochen Malms, Alarm am Nordpol, in Peter Moosleitners interessantes Magazin P.M. 12/2000, Seite 138-146
Menn, 2009a: Iris Menn, Ein Paradies schwindet, Artikel, Greenpeace Nachrichten, 4/09 November Dezember 2009, Seite 3
Menn 2009b: Iris Menn, Tauwetter am Polarkreis, Rundbrief, Greenpeace, April 2009
Planet Wissen, 2008: Planet Wissen: Die Antarktis vom 24.10.2008, Fernsehsendung, BR alpha
Rahmstorf, 2006: Stefan Rahmstorf, Hans Joachim Schellnhuber, Der Klimawandel, Verlag C.H.Beck, München, 2006
Raiter, 2008: Thomas Raiter, Expedition Erde: Eis, Fernsehsendung, ZDF, 11.10.2008, 2:28 Uhr
RCN, 2010: Winds from Siberia Reduce Arctic Sea Ice Cover, Norwegian Researchers Find. Nachricht, Research Concil of Norway, 27.4.2010
Sartorius, 2005: Dr. Rolf Sartorius, Globaler Klimawandel, Broschüre, Umweltbundesamt, April 2005
Schröder, 2009: Tomma Schröder, Eisfabrik der Arktis? Die Laptewsee im Wandel, in Forschung aktuell, Deutschlandfunk, 25.11.2009, 16:35 Uhr
Siegloch, 2009: Klaus Peter Siegloch, Fünf vor zwölf in der Nordwest-Passage, Zwischen Klimakatastrophe und neuem Reichtum, Phoenix, 2009
Victor, 2008: Jean Christoph Victor, Mit offenen Karten, Klimarisiken Länderrisiken, Fernsehsendung, arte, 27.9.2008, 20:00 Uhr
Wegner und Gregor, 2001: Wolfgang Wegner, Michael Gregor, Das Amerika-Rätsel, Fernsehdokumentation, 2001
Autor: Jörg Wieprzeck
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23.09.2009: Artikel angelegt
11.11.2009: Abschnitt über die Lage im Jahr 2009 um Aussagen von Greenpeace ergänzt.
11.11.2009: Außerdem ist ein Text über die Pläne zur Rohstoffausbeutung 2009 hinzugekommen.
30.11.2009: Die Eisfabrik der Arktis, die Laptewsee, verändert sich durch steigende Lufttemperaturen.
21.12.2009: Abschnitt über die Rohstoffgewinnung ergänzt.
21.12.2009: Abschnitt über die Nordwestpassage ergänzt.
04.03.2010: Die ersten Versuche, Indien auf der Nordwestpassage zu erreichen, unternahmen Dänen und Portugiesen.
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Folgen des Klimawandels: Messmethoden
Gletscher im Wandel 1: Basisinformationen zu Gletschern
Gletscher im Wandel 2: Ursachen des Abschmelzens
Gletscher im Wandel 3: Europa, Afrika und Asien
Gletscher im Wandel 4: Südamerika und Polargebiete
Gletscher im Wandel 5: Folgen des Schmelzens
Läßt der Klimawandel den Meeresspiegel steigen?
Meereis und Klima 1: Der Rückgang des Eises
Meereis und Klima 2: Auswirkungen auf Klima und Lebewesen
Meereis und Klima 3: Auswirkungen auf die Wirtschaft
Ökosysteme und Klimawandel 1: Wanderung von Klimazonen
Ökosysteme und Klimawandel 2: Pflanzen
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